Der berühmte Initiator des 2. Vatikanischen Konzils, Papst Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli, 1881-1963), hat einmal gesagt: „Tradition heisst: Das Feuer zu hüten und nicht die Asche zu bewahren.“ … 

Der Gedanke stammt ursprünglich von dem englischen Staatsmann und humanistischen Autor Thomas Morus (1478-1535, aufgrund seines Märtyrertodes heilig gesprochen): „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“

Das « Feuer zu hüten » ist das eine. Die « Flamme weiter zu geben » ist das andere. Das Wort « Tradition » bedeutet « Überlieferung », also das, was man durch die Zeiten hindurch weiter gibt. Es handelt sich um das kulturelle Erbe unserer Vorfahren. Man braucht, im Bild gesprochen, zum « Weiterreichen des Feuers » eine brennende Fackel. Man braucht also Instrumente bzw. Werkzeuge, um eine Tradition weiterzugeben. Diese Werkzeuge sind wir selbst, jede und jeder einzelne von uns. Warum ist das so, und was bedeutet das? Ich möchte hier einige Antworten geben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Erstens: Traditionen sind nicht einfach so nebenher zu bewahren, weil mit überlieferten Ritualen, mit handwerklichem Fähigkeiten, mit Sitten und Gebräuchen auch geistige Werte über Generationen hinweg transportiert werden. Gelebte Traditionen helfen, das kulturelle Gedächtnis zu erhalten. Es braucht daher für sie Leidenschaft und Demut. Es braucht sowohl grossen Eifer als auch Durchhaltevermögen.

Einer der ganz grossen Förderer der Untervazer Traditionen wurde gestern zu Grabe getragen. Er hat den Burgenverein mit gegründet. Er war der letzte Schindelmacher Graubündens. Er machte zum Beispiel von Hand die Schindeln für die alte Kirche St. Johann Baptista auf der Burg Hohenrätien. Er schrieb viele Gedichte und Texte auf Vazer Mundart. Er half damit, die Vazer Mundart zu erhalten, während das Dorf sich durch zahlreiche Zuzüger nachhaltig verändert. Er zeigte jedem Bub, wie man eine Schiba macht fürs traditionelle Schibaschlaha. Kurz gesagt: Unser Stotzlenz (mit bürgerlichem Namen Lorenz Krättli-Bürkli, 1921-2008) war einer, der « Feuer und Flamme war » für das Brauchtum, für seine Heimat Untervaz und im weiteren Sinn für Graubünden. Ich – als Zuzüger – habe davor hohen Respekt. Zu seinem Engagement gehörte in ganz natürlicher Verbundenheit auch sein Glaube. Sein Glaube basierte ganz selbstverständlich auf seinem respektvollen Staunen über die Werke Gottes in der Natur. Ich möchte heute an ihn erinnern und seine Leistungen würdigen, weil wir von ihm beispielhaft lernen können, was es heisst, Traditionen lebendig zu erhalten. Anders gesagt: Wir können den Schlüssel zum richtigen Verständnis von Traditionen von ihm bekommen. Nochmals im Bild gesprochen: Du musst als eine Flamme selber brennen, wenn du Traditionen weitergeben willst.
Jedoch bloss « die Asche zu hüten », also rechthaberisch zu sagen: « Das war schon immer so !» genügt keinesfalls. Im Gegenteil: Tradition ist nicht das, was früher einmal gelebt hat, sondern Tradition ist das, was wir leben.

Damit kommt aber – zweitens – ein Problem in den Blick. Eines unserer gesellschaftlichen Hauptprobleme ist die zunehmende geistige Verarmung – trotz materiellem Wohlstand und trotz immer mehr angesammeltem Wissen und der unüberschaubaren Fülle an Informationen, die auf uns einstürmt. Geistige Verarmung geht einher mit Gefühlen der Sinnlosigkeit des Lebens. Suizid ist daher nicht unerwartet die häufigste Todesursache bei den 15-40 Jährigen in der Schweiz. Das Problem ist nicht weit weg, sondern auch hier bei uns schmerzhaft zu spüren: Dieses Jahr musste ich z.B. einen meiner ehemaligen Konfirmanden beerdigen, der seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte. Er war einer von uns aus dem Dorf. Je mehr wir also an geistigen Wurzeln verlieren, desto haltloser werden wir. Je weniger wir die Heimat im Herzen haben (eingeschlossen den überlieferten Glauben), desto mehr werden wir auch Angst vor Fremden haben, die stärkere Wurzeln haben als wir (eingeschlossen die religiösen Wurzeln) und sie hassen, weil wir uns insgeheim damit selber hassen.

Tradition ist aber auch nichts, was jemand einfach so übernehmen kann, wie es ihm gerade gefällt. Das ist so wenig möglich, wie es möglich ist, sich die eigenen Vorfahren auszusuchen. Wer eine Tradition nicht hat und sie dennoch haben möchte, der ist wie ein unglücklich Verliebter. Was also ist zu tun? « Du musst als eine Flamme selber brennen, wenn du Traditionen weitergeben willst. »

Praktisch kann das so aussehen: Schenken Sie ein Stück ihrer persönlichen geistigen Erfahrung. Sagen Sie ihren Kindern weiter, warum das Leben für Sie lebenswert und schön ist, und (wenn Sie können) was ihr Glaube für Sie persönlich bedeutet. Lehren Sie sie auf jeden Fall, die Natur zu achten und ein offenes, gastliches Haus zu haben. Zeigen Sie ihren Kindern und den anderen Kindern im Dorf, was das Leben in Untervaz lebenswert macht. Du brauchst also etwas von dem Herzblut und der Energie, wie der Stotzlenz sie hatte.

Drittens: « Wenn wir das, was die Väter taten, so tun, wie die Väter es taten, tun wir nicht, was die Väter taten », sagt ein kluger Spruch. Es geht also nicht darum, Neues zu erfinden um des Neuen willen, oder das Alte zu bewahren um des Alten willen, sondern darum, das Traditionelle kreativ zu leben. (Diese Aussage schliesst wiederum ausdrücklich die Religion ein, um der Gefahr des Fundamentalismus zu wehren.)

Heute und hier haben wir ein gutes Beispiel vor Augen. 20 Jahre Guggamusik sind zwar noch nicht viel, gemessen an der langen Geschichte unseres Dorfes. Aber: Die « Fänza Fäzer » leben bewusst Tradition. Sie haben die alte Tradition der Fasnacht neu gefüllt. Sie schenken jungen Leuten, die bei ihnen musizieren, eine sinnvolle und trotzdem erlebnisreiche Zeit, in der es nie langweilig wird. Das ist auch eine soziale Leistung, und dafür sind wir ihnen heute dankbar.

Ein vierter und letzter Gedanke: Neben allem Spass und Vergnügung hat die Weitergabe und das Leben von Traditionen mit Fragen zu tun wie: « Was bist du mir wert? » « Wie respektiere ich dich? » « Wie übe ich Solidarität? » An dieser Stelle sind wir als Eltern, Grosseltern und auch Göttis bzw. Gottas angesprochen. Ob und wie wir in den Familien unser Wissen um die Traditionen vermitteln, spielt daher auch in pädagogische Fragestellungen und Aufgaben hinein. Wir können die Vermittlung von Traditionen keinesfalls allein der Gemeinde, der Schule, den Kirchen und den Vereinen als gesellschaftliche Institutionen überlassen. Allein gelassen wären die Institutionen damit überfordert. Wir selbst als Personen sind Teil der politischen Gemeinde, als Christen Teil der Kirchgemeinden, als Mitglieder Teil der Vereine. Wir selbst als Person sind gefragt.

Gestern morgen stand ich um 8.00 Uhr mit 16 Jugendlichen auf der Spitze des Calanda. Die Sonne ging auf, der Dunst der Täler hob sich langsam und vor uns lag die Welt, die schön und liebenswert ist. Dort oben steht das Kreuz, das uns sagt, dass Gott die Welt und ihre Schönheit gemacht hat, und dass wir Menschen eben nur ein Holzkreuz hinstellen können und staunen können, manchmal auch beten und singen. Damit möchte ich sagen: Traditionen leben ist nicht so schwer. Jede und jeder kann es auf ihre und seine Weise tun. Vertrauen Sie einerseits auf das Wissen, die Fähigkeiten, Sitten und Gebräuche, die Sie selber von ihren Eltern übermittelt bekommen, und seien Sie kritisch, wenn Sie kulturelles Erbe nur über die Massenmedien wie ein Fertiggericht vorgesetzt bekommen. Vertrauen Sie andererseits ihren Kindern, dass sie einmal richtig entscheiden werden, wie alte Worte neu zu sagen und alte Lieder neu zum Klingen zu bringen sind. Jede Generation darf und kann das kulturelle Erbe neu ausgestalten.

Ansprache zum ökumenischen Festzeltgottesdienst  20 Jahre Fänza Fäzer  (Guggemusik aus Untervaz) am 31.10.2008

veröffentlicht: Burgenverein Untervaz, Anno Domini 2009.