Die Archäologen der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule in Basel präsentieren derzeit ein ehrgeiziges Projekt. In einer kleinen Ortschaft namens Moza in der Nähe von Jerusalem glauben sie Reste eines alten Dorfes zu finden, das bisher oft gesucht, aber nie gefunden wurde. Sein Name ist Emmaus und seine Geschichte ist berühmt. Es ist eine Ostergeschichte.

Es war an demselben Tag, als Maria Magdalena und die anderen Frauen aufgeregt vom Grab Jesu zurückkehrten. Das Grab war leer. Die Freunde Jesu waren sich einig: Der Leichnam war gestohlen worden. Doch die Frauen erzählten ihnen von zwei Männern in glänzenden Kleidern. Sie redeten und redeten. Die Männer glaubten ihnen nicht.

Ostergeschichten. Sie werfen immer alles über den Haufen. Es geht mir ja genauso. Ich kann das ganze Jahr von Jesus erzählen. Ich kann erzählen, wie Jesus lebte. Jesus lebte konsequent. Er hatte keine Berührungsängste. Jesus glaubte, dass die Gesundheit ansteckt, nicht die Krankheit. Jesus heilte Menschen. Er kurierte nicht nur ihre Symptome, sondern stellte den Zustand vor der Krankheit wieder her. Jesus war ein Superstar. Die Leute kamen von überall her. Wenn ich zum Beispiel eine Diagnose gehabt hätte: unheilbar krank, ich wäre auch zu Jesus gelaufen. Wir laufen immer zum besten Arzt. Ich wäre auf den Baum geklettert, damit er mich sieht. Ich hätte meine Freunde gebeten, mich mitsamt meiner Bahre durchs Dach in die Wohnstube abzulassen. Kein Weg zu weit für die Gesundheit. Das ist oft unsere Religion heute. Gesundheit über alles.
Wäre ich Jesus nachgefolgt? Wenn nicht ihm, wem dann? Einer, der es schaffen kann, das ganze Elend auf der Welt abzuschaffen. Jesus hat so viele Hoffnungen geweckt und so viele Hoffnungen enttäuscht. Dann wurde er gehängt. Arzt, hilf dir selbst. Heile deine Wunden. Steig hinunter vom Kreuz und zeig ihnen, wer der Superstar ist. Spiel jetzt einmal den Retter der Welt wie im Film. Wir warten alle auf das Happy End.
Es war katastrophal. Nein, die Jünger haben noch ein bisschen Grips im Kopf, noch ein bisschen Logik. Das Spiel ist aus. Tote bleiben tot, und wenn sie nicht da sind, dann sind sie gestohlen worden oder sie waren gar nicht tot und sind fortgegangen, zum Beispiel nach Indien. Ein bisschen Logik muss sein und deshalb glauben die Jünger die Ostergeschichten ihrer Frauen nicht.

Einer von diesen Jüngern heisst Klopas, in unserer Geschichte Kleopas, die volle Namensform ist Kleopatras. Also so wie Jörg und Jöri von ursprünglichen Namen Georg kommen. Kleopas hat ein Frau. Leider haben die Evangelisten ihren Namen vergessen. Aber sie stand mit am Kreuz, als Jesus hingerichtet wurde. Also, was soll der Streit. Es bringt nichts, gehen wir nach Hause. Zwei Wegstunden, etwa 11 km ist der Weg lang von Jerusalem nach Emmaus. Der Tag war lang und aufregend.

Warum musste Jesus sterben? fragte sie ihn. Wer ist daran nun wirklich schuld? Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, hatte Jesus gesagt.
Das ist doch alles nur eine Phantasie, sagte er. Ein Grössenwahn ist das. Je tiefer meine Erniedrigung ist, desto grösser komme ich heraus.
Nein, ist es nicht, sagte sie. So hat er es nicht gemeint. Es gab keinen Menschen, der freier war als Jesus. Er hat sich ganz frei hingegeben. Niemand hat dieses Opfer verlangt. Aber er hat es gegeben, ganz freiwillig ist er gegangen. Hat er es für uns getan?

So haben die beiden gar nicht gemerkt, dass da schon eine Weile jemand zuhörte. Ein Wanderer hatte sich zu ihnen gesellt. Worüber redet ihr, fragte er.
Ja, weisst du denn nicht, was los ist?, antwortete er. Alle Leute haben Jesus begeistert begrüsst in Jerusalem. Der Messias ist da. Dann musste er sterben. Es war grauenhaft. Es war brutal. Nur zwei Ratsherren hatten den Mut, ihn zu begraben, denk dir, in ihrem eigenen Grab. Pharisäer waren es. Hut ab. Dann war die Leiche verschwunden.
Nein, wir haben ihn gesehen, mischte sie sich ein.
Komm, lassen wir das. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. Das bringt nichts.

Versteht ihr denn nichts, fragte der Fremde. Heilung bedeutet nicht, dass die Symptome kuriert werden. Heilung bedeutet nicht, einfach wieder so zu werden wie vor der Krankheit. Versteht ihr das, auch ein sterbender Mensch kann heil werden. Jede Minute, die du hast in deinem Leben, ist unendlich wertvoll. Du kannst dich versöhnen. Du kannst lieben. Nicht allein die Macht und die Potenz heilt.
Wie sollen wir das verstehen? fragte er.
Nicht der starke Held, nicht der Guru kann wirklich heilen. Dann würde der Tod nur verdrängt. Wenn du aber deine eigene Schwäche, deine eigene Verletzung kennst, kannst du heil werden. Verdrängt den Tod nicht. Es gab eine lange Pause. Dann sagte die Frau: So hat es die andere Maria gemacht, die Mutter Jesu. Sie hatte ihren toten Sohn auf den Armen, bevor die beiden Ratsherren ihn bestatteten.
Der Fremde nickte. Ihr könnt Jesu Tod auch anders verstehen. Der Gerechte muss leiden in der Welt. Gott ist doch immer mit dem Gerechten, oder? Wenn Gott mitleidet mit einem gerechten Menschen, dann gibt es keinen Ort auf der Welt, wo Gott nicht ist. Gott ist da, wo ein Schwerkranker auf dem Sterbebett liegt. Gott steht neben dir, wenn du bitter enttäuscht worden bist. Die beiden schwiegen.

Wohin geht ihr, fragte der Fremde. Wir gehen heim. Da ist unser Haus. Dann lebt wohl, sagte der Fremde.
Aber Herr, es ist Abend, sagte er. Die Nacht ist gefährlich. Sei unser Gast und erzähle noch etwas.
Der Fremde lächelte. Danke. Das Paar und der Fremde betraten das Haus. Es bestand nur aus einem einzigen Raum. Der Tisch wurde gedeckt. Etwas Brot, ein paar Feigen und Datteln, ein Krug Wasser und ein kleine Karaffe Wein.

Das Paar schaute sich an, als der Fremde das Wort ergriff. »Gelobt seist Du, Ewiger unser Gott, König der Welt, der die Frucht des Weinstocks erschaffen hat«. Das Paar schaute sich an und sie sah, dass er Tränen in den Augen hatte. Sie lächelte ihn an und sagte: Ich wusste es. Ich wusste es. Und sie sahen sich um und waren allein.

Wir müssen gehen, rief er. Aber es ist Nacht, antwortete sie.

Keine Nacht ist so dunkel, rief er. Komm, wir gehen zurück.

Zurück ins Leben, flüsterte sie.

Das war unsere Ostergeschichte. Für das Wunder gibt es keine Worte. Entweder du siehst, oder du siehst nicht. Anfang diesen Jahres habe ich ein ähnliches Erlebnis gehabt. Ich war bei einer Frau, die hatte Krebs. Es war so schlimm. Kein Arzt konnte sie heilen. Man konnte nur noch die Schmerzen lindern. Das Wesentliche aber war unsichtbar für die Augen der Logik. Sie war geheilt, auch wenn sie sterbenskrank war. Ich bin versöhnt, ich bin auf dem Weg zu Jesus, sagte sie mir. Die Zeit, die ich habe, ist 100% Geschenk. Ich kann lieben, ich kann verzeihen. Ich kann Mensch sein. Ja, ich habe mich wieder dem Leben zugewandt. Ich sehe, was wirklich zählt. Keine Nacht ist so dunkel.

Ich bin der Meinung, dass Jesus heilte, weil er den Unberührbaren so nahe kam. Er selber ist der Aussätzige, der ausserhalb der Stadt gekreuzigt wird. Er geht ins Grab, während Lazarus herauskommt. Er tauscht die Position mit mir, wenn ich ohnmächtig bin, krank, einsam, verlassen, enttäuscht. Ostern ist ein Rollentausch. Das ist die Überraschung von Ostern, wider die Logik des Alltags. Jesus lebt in mir und dir, und du und ich gehen zurück ins Leben. Keine Nacht ist so dunkel, dass wir nicht gehen könnten.