… lange lange ist es her. Es ist so lange her, dass unsere Erinnerung inzwischen dunkel geworden ist wie das Leder, das allen Witterungen ausgesetzt ist. Unsere Geschichte wird freilich noch erzählt von Generation zu Generation, nachgespielt, aufgeführt als Theater des Lebens. Das Farbenspiel unserer eigenen Phantasie hat unsere Geschichte übermalt, dass sie zu schillern anfängt, Irrlichtern gleich … 

Einige Menschen jedoch haben sie aufgeschrieben auf Lederrollen. Man schrieb mit Tinte aus Russ, sorgfältig jeden Buchstaben malend, damit keines der Worte verloren gehe. Die Rollen überstanden die Zeiten des Feuers der Kriege, der schleichenden Krankheiten. Manche waren auch so gut versteckt, dass sie kein Dieb fand. Später wurden sie abgeschrieben, und wieder abgeschrieben und wieder und wieder.

Es war einmal im judäischen Land mit seinen Hügeln und kleinen Städten. Es war in der Zeit, als der Kaiser in Rom, der mächtige Augustus Octavian, seine Soldaten in allen Ländern des Mittelmeeres patroullieren liess. Eins ums andere Land hatten sie erobert, auch das kleine Land Juda-Israel oder was davon übrig war nach den vielen Jahren der Kriege und Feindschaften. Man nahm den Menschen die Kaisersteuer ab, Münzen mit dem Bild des Kaisers, dominus et deus, Herr und Gott. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Sein Bild war überall.

Der Kaiser hatte auch Vasallen, und diese Vasallen waren meist noch schlimmer für die Menschen als der Kaiser selbst. Herodes der Grosse, nannte er sich, und auch: König der Juden, obwohl er gar kein Jude war. Heute noch kann man in Jerusalem die Mauern sehen. Die Mauern seines Palastes, die Mauern des Tempels, den er ausbauen und umbauen liess zu grosser Pracht. Herodes liebte das Gold über alles, doch am meisten liebte er es, wenn seine Feinde ihm zu Füssen lagen. Und Herodes hatte viele Feinde, sogar im eigenen Haus. Es war gefährlich, Herodes zum Feind zu haben. Niemand war sicher, seit er drei seiner eigenen Söhne hatte töten lassen. Sogar seine eigene Frau Mariamne hatte er nicht verschont. Die Menschen hatten Angst vor Herodes. Sie hassten ihn in ohnmächtiger Wut und sehnten sich nach einem Retter. Sie sehnten sich nach einem König wie dem sagenhaften David, der vor vielen hundert Jahren einmal gelebt hatte. Zu Davids Zeiten, sagten die Menschen, hat es Frieden gegeben und Gerechtigkeit. Es wäre ein goldenes Zeitalter gewesen, das nie wieder gekommen sei. Die Zeiten des Herodes waren dunkel, verdunkelt von Grausamkeiten, Hinrichtungen und Bürgerkrieg. Einige Menschen hatten sich angepasst. Man machte Geschäfte, man trieb für die Römer den Zins ein und lebte erträglich davon. Man diente am Hof des Herodes und hoffte, mit vorauseilendem Gehorsam die Stufenleiter der Beförderung emporzuklimmen. Andere Menschen waren angeekelt. Sie zogen in die Wüste des Toten Meeres, dort, wo niemand herrschte ausser den Schlangen im Sand. Dort hofften sie und beteten inständig, dass Gott selbst sie erlösen möge von den Römern und ihren Helfershelfern in Jerusalem. Die meisten Menschen hatten keine Wahl. Sie kämpften ums tägliche Überleben.

Eines Morgens zog eine kleine Karawane durch die Wüste. Ihr Ziel war die natürliche Grenze, die der Jordan bildete. Einige Pferde mit Reitern in edlen Kleidern, Turbanen auf dem Kopf. Einige Maultiere trugen ihre schwere Last. Sie wurden von Diener geführt. Der Grenzposten verstellte ihnen den Weg und fragte nach dem Woher und Wohin. Die Angaben waren mehr als vage. Aus dem Osten kämen sie und wollten nach Jerusalem. Ihr Beruf? Magier. Ob das genügte, erfahren wir nicht. Ob sie vielleicht gesagt haben, dass sie aus Ekbatana kämen, aus dem Reich der Perser, denn dahin deutet ihre Bezeichnung als Magier. Dort gab es Priester dieses Namens. Vielleicht ist der Grenzposten ob dieser Bezeichnung auch zurückgeschreckt. Mit Magie ist nicht zu spassen. Manchmal lässt er sich aus der Hand lesen oder die Karten legen. Meistens ist da Angst im Spiel. Vielleicht hat unser Grenzposten auch nur die Hand aufgehalten. Das Ziel Jerusalem, der Königshof. Dann mögen sich andere um ihre Last kümmern, die die Maultiere tragen.

Es muss eine lange Reise gewesen sein. Man ritt schweigsam vor sich hin. Abends, am Feuer, erzählte man sich. Über all das erfahren wir sehr wenig. Einen Stern hätten sie beobachtet im Aufgang. Sterne bewegen sich am Himmel. Es scheint dem Beobachter, als zögen sie ihre Bahn. Die Bahn verändert sich jeden Tag. Das Gestirn geht jeden Tag auf und unter, ehe es gar nicht mehr erscheint am Horizont. Erst lange später kann man wieder beoachten, dass es zu erstenmal wieder erscheint am Horizont. Dann wird es neu geboren, sagten die Magier. Das habe grosse Bedeutung. Sind sie Astronomen, diese Magier, gar Astrologen? Unsere Geschichte mag da unterscheiden. Astrologen aus dem Osten könnten aus Babylon kommen, der Heimat der Astronomie und Mathematik. Chaldäer hätte man sie dann genannt, nicht Magier. Es muss noch etwas anderes sein.

Nach einer Tagesreise kamen sie in Jerusalem an. Durch das lärmende Markttreiben hindurch reiten sie schweigend, bis sie am Königshof ankommen. Am Palasttor stellt man Fragen. Woher, wohin. Sie aber stellen eine einzige Frage: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Der König der Juden? Neugeboren? Es kann nicht sein. Es gibt nur einen König, und der ist im Amt. Dem dürfen sie freilich huldigen, er mag das. Vor allem, wenn man ihn dabei reich beschenkt. Er liebt Gold und schöne Reden. Nein, nein, einen neugeboren König suchen wir. Ein Kind, ein Königskind. Kopfschütteln. Wenn die Männer nicht so edel ausgesehen hätten, hätte man sie wohl übel beschimpft. So wird man sich mit Lachen beholfen haben. Nein, nein, hier gibt es nur einen. Man könnte eine Audienz verschaffen, gegen angemessene Entlohnung, versteht sich. Kopfschütteln. Wir gehen. Solche Könige wie Herodes gibt es genug. Dazu müssen wir nicht so weit reisen. Die Magier drehen um. Man wird es weitersagen. Es hatte nicht nur einen Menschen, der die Ohren weit auf machte für Herodes. Der Geheimdienst ist überall, das war damals nicht anders. Im ganzen Land gab es Rebellen. Herodes ist wachsam. Offiziell sagt er, es nur zum Schutz vor Terroristen. Aber jeder im Land weiss, wer und wie Herodes wirklich ist. So dauert es nicht lang, dass die merkwürdige Frage zum Gespräch wird. Herodes ist hellhörig. Wer waren diese Leute? Was soll diese Frage: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen … Herodes lässt nachfragen, nachforschen. Wo sind sie jetzt? Jerusalem ist klein, und Fremde fallen auf. Man findet sie schnell. Der König lädt euch vor. Was will er?

Was Herodes wirklich will, können wir erfahren. Er hatte zwar viel Macht und Geld, aber auch Feinde. So treibt ihn Tag und Nacht die Angst, jemand könne es auf seinen Thron abgesehen haben. Der Geheimdienst hatte ihm sicher auch von den religiösen Hoffnungen erzählt. Es soll da einen Retter geben, einen Messias. Herodes versteht die alten Schriften nicht. Er kann nicht hebräisch lesen. Es interessiert ihn auch nicht. Bis heute. Bis einer von den Geheimdienstleuten ihm sagt, dass dieses Königskind ja etwas Religiöses sein könnte. Das Kind Gottes, der Messias. Da muss man die Spezialisten befragten. Wozu werden die schliesslich bezahlt. Herodes lässt sie rufen. Wo soll dieser angebliche Messias geboren werden? Die Antwort ist klar und erschreckend: Betlehem. Die Stadt, aus der der sagenhafte König David kam. Dessen Dynastie ist seit gut 500 Jahren ausgestorben, seit der letzte König von den Babyloniern gefangen genommen wurde, und dessen Söhne alle getötet wurden. So eine irrige Hoffnung. Aber Herodes macht sie Angst. Es könnte einer kommen, und behaupten, ein neuer David zu sein, und alle Leute würde, ja, sie würden ihm nachlaufen. Das darf nicht sein. Ein Wutanfall, Majestät, bringt nichts. Sie würden nur warnen. Seien Sie klug. Fragen Sie diese Leute doch mal, wann und wo dieser angebliche Messias geboren ist. Fragen Sie wann, wann ist der Stern zum erstenmal am Horizont erschienen. Dann wissen Sie, wie alt das Kind ist. Dann schicken Sie sie nach Betlehem und lassen sie sie doch selber suchen. Dann lassen Sie sich den Ort genau sagen und den Rest erledigen wir. Sie müssen nur so tun, als ob sie Interesse zeigen, Interesse und Frömmigkeit.

Nun, vielleicht hat Herodes auch eine tiefsitzende Angst. Denn er weiß im Innersten, dass Gott nicht bei ihm ist. Dabei behauptet er doch immer, Gott sei mit ihm. Solche Könige wie Herodes, sagten die Kinder im Krippenspiel, solche Könige wie Herodes gibt es genug. Viel zu viele gibt es von dieser Sorte. Heute heissen sie manchmal auch Präsidenten. Aber das macht manchmal keinen grossen Unterschied. Herodes also. Er ist der mächtigste Mann in Israel. Aber er ist der falsche König, weil er seine Macht missbraucht.

Unsere Geschichte erzählt uns, dass Herodes klug genug war, um auf den Rat seiner Geheimdienstler zu hören. Aber sie erzählt auch, dass unsere Magier das längst durchschaut haben. Sie sind froh, mit heiler Haut aus diesem Palast wieder herausgekommen zu sein, der schon soviel Blut fliessen gesehen hat. Sie werden nie, nie wieder hierher zurückkehren. Der Weg an den Königshof war ein Irrtum. Den Stern haben sie dort nicht gesehen, an keinem der Tage, die sie in Jerusalem verbrachten. Wie so oft wurde Gott an der falschen Stelle gesucht.

An dem Morgen aber, an dem sie aus der Stadt aufbrechen, ist der Stern wieder da. Das war der Moment, an dem sie ihre Schweigsamkeit aufgaben. Was haben sie sich gefreut. Der Stern aus Jakob, sagten sie, ist wieder da. Der Stern des Königskindes. Sie hatten natürlich die alten Schriften lange studiert, ehe sie sich auf die lange Reise gemacht hatten. Sie waren nicht nur Astronomen, sondern auch Schriftgelehrte. Woher hatten sie die Schriften, in denen die uralte Prophezeiung stand: Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. Ein Prophet ist kein Wahrsager. Ein Prophet ist einer, der von Gott berufen ist. Sein Leben liegt allein in Gottes Hand. Ein Prophet ist einer, der hinter die Dinge schaut und die Zeit förmlich diagnostiziert. Ein Prophet ist einer, der ruft, und schreit, Wahrheit sagt, auch wenn es ihm Spott und Verachtung einbringt und er manchmal dem Tode nahe ist. Es ist also die Hoffnung der Menschen, die hinter diesen Worten steht. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es waren jüdische Schriften des Alten Testaments, aufbewahrt im persischen Reich, in der gleichen Stadt, wo auch der jüdische Prophet Daniel lebte. Unsere Magier, das mag man vermuten, waren wohl Menschen, die Gott vertrauten. Nicht irgendeinem Gott, sondern dem einen Gott Israels. Waren sie vielleicht nicht „Heiden“ aus allen Völkern, wie viel später erzählt wurde? Waren sie Israeliten? Es heisst, der assyrische König habe Israeliten aus dem Nordreich überall in sein Reich deportiert, auch ins spätere Persien. Das könnten ihre Vorfahren gewesen sein.

Wir können sie heute einfach Weise nennen. Sie sind Menschen, die zu fragen und zu suchen gewohnt sind. Sie begnügen nicht mit der Vorderseite und Oberfläche der Dinge und Erfahrungen. Sie fragen weiter. Sie wollen besser verstehen. Vielleicht darum haben sie mit Sternen zu tun. Sterne sind das Äußerste, das Entfernteste, was wir sehen, aber nicht greifen können. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass keines Menschen Leben mit dem erschöpfend beschrieben ist, was bis zum Horizont geht, was um ihn herum ist und was auf der Hand liegt. Unser Leben ist mehr als die Summe dessen, was wir schaffen, planen oder tun. Selbst wenn uns etwas gelingt, wissen wir nicht, was am Ende herauskommt. Wir sehen die nächsten Schritte, aber nicht das Ziel. Alles wussten unsere Magier wohl nicht. Sie brauchten noch den Hinweis auf Betlehem, die Davidsstadt. Betlehem ist nahe bei Jerusalem. Es ist ganz anders. Unsere Magier finden einen schmutzigen Stall. Es zieht, es ist kalt in der Nacht. Das soll ein Königskind sein. Eigenartig. Aber ein König ist nur, wer als König anerkannt ist. Sie knien nieder. Gold für den König, Gold für die Armen. Myrrhe und Weihrauch als Zeichen des Himmels. Das, was zu Gott macht, dass die Seele zum Himmel fliege. Der, dem man dient, den oder die macht man erst würdig und wichtig.

Das ist bedenkenswert für unsere Lebensziele. Wer den Armen dient, macht sie würdig und geachtet. Was bringen wir dem Kind? Einen Kopf voller Sorgen? Ein Herz voller Sehnsucht? Ist das Kind wichtig für uns oder suchen wir uns selbst? Diese Weisen machen ein unbedeutendes Kind wichtig. Sie geben ihm Würde und Anerkennung. Es ist für sie Gottes Kind, egal, was es auch einmal erleiden muss. Bald schon werden die Soldaten des Herodes kommen. Dann wird die Familie zur Flüchtlingsfamilie, die nach Ägypten zieht. Ägypten aber ist der Ort, wo Gott das Volk befreit hat. Das weiss jedes jüdische Kind. Unsere Geschichte steckt voller Symbolik.

Unsere Magier zeigen in ihrer Geste der Demut etwas für uns heute: Wir sind ja weder arme Hirten noch einfaches Volk. Wir gehören eher zu den Gebildeten und Reicheren auf der Welt: die Botschaft heißt: auch die Reichen und Gebildeten haben einen Platz im Stall, wenn sie es denn vermögen, über die Schwelle zu treten. Trauen wir dem Stall als Ort der Wahrheit etwas zu? Spüren wir etwas davon, dass unser Gott das Schwache erwählt. Das Schwache: die Sklaven, die Habenichtse, die Verspotteten. Aber: Nicht weil sie schwach sind, sondern weil sie gestärkt werden sollen, und genau dann, wenn die Mächtigen selbstbezogen und grausam das Recht beugen. Unsere Geschichte ist hier zu Ende. Den weisen Magiern war es genug. Sie waren für einen endlosen Moment die glücklichsten Menschen der Welt. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute weiter. In allen Krippenspielen sind sie mit dabei.

Die Legende wird über die Jahrhunderte immer farbiger, wie die Gewänder der Kinder beim Krippenspiel. Drei Geschenke, drei Weise sollten es also sein. Drei königliche Geschenke haben sie gebracht, also waren sie selbst Könige oder sind es erst geworden durch diese wundervolle Begegnung. Aus fremden Ländern kamen sie, wohl von überall her, aus allen Kontinenten, einer ist schwarz, aus Afrika. Weihnachten wird es für alle Erdteile und alle Völker. Caspar, Melchior und Balthasar haben sie geheissen, denn die Anfangsbuchstaben C-M-B, die die Sternsinger in manchen Gegenden an die Häuser anschreiben, ergeben Sinn: Christus mansionem benedicat: Christus segne dieses Haus, und Gott segne uns und unsere Sehnsucht.