Es war einmal ein »Gückel«, also auf hochdeutsch ein Hahn, der sass auf der höchsten Spitze der kleinen Kirche von Untervaz. Die kleine Kirche ist evangelisch, und das kann man ja schon am Hahn sehen, man braucht gar nicht in die Kirche hineinzugehen.

Der Hahn ist ein stolzer Vogel, und wie jeder weiss, duldet er auf dem Hühnerhof keinen Konkurrenten. Wenn sich doch ein zweiter in sein Revier verirrt, ist der Hahnenkampf unvermeidlich. Der Hahn ist aber nicht nur ein stolzer Kämpfer, sondern kündigt überall auf der Welt früh das Morgenrot an und weckt die Menschen vom Schlaf. So bekam er auch eine Bedeutung in der Religion. Der Hahn steht für Christus, und der Hahnenschrei, der aus dem Schlaf reisst, steht für den Ruf des Erlösers, der die Menschen einmal aus dem Schlaf des Todes wecken wird. Wie der Hahn mit seinem Ruf das Ende der Nacht und den Beginn des Tages verkündet, so besiegt Christus auch die Nacht der Sünde und erweckt den Menschen zum christlichen Glauben. Das kann man schon im Tagesliederbuch »Cathemerinon« von Aurelius Clemens Prudentius (348 bis nach 405) nachlesen. Der Hahn als Symbol für Christus: das war natürlich für Evangelische ein passendes Symbol. Weil die Evangelischen das so liebten, lehnten es die Katholischen ab, und setzten lieber ein Kreuz auf die Turmspitze, zumindest in gemischt konfessionellen Gebieten trifft man das häufig. So kann man es also schon von aussen sehen, was das für eine Kirche ist.

Treu und brav zeigte unser Hahn Tag für Tag die Windrichtung an, bei Sonnenschein und Schneefall, und wenn man auf den Kirchturm stieg, hörte man am metallischen Kratzen, wie sich der Hahn nach dem Wind drehte. Auch das hat eine lange, lange Tradition. Es heisst, der ehrwürdige Bischof Rampertus von Brescia hätte im Jahre 820 einen Turmwächter aus Bronze giessen und auf dem Turm der Kirche San Faustino Maggiore anbringen lassen. Überhaupt hatte man im Mittelalter manchmal auch einen Hahn über dem Kreuz angebracht. Er verrät, woher der Wind weht, und steht somit für die Wachsamkeit, besonders wenn es um Verrat geht. Das war schon zu Jesu Zeiten so, die Römer teilten sogar die Nacht nach dem Krähen des Hahnes ein. Der Hahn auf dem Kirchturm aber erzählt von einer ganz besonderen Nacht.

Darauf spricht Jesus zu ihnen: Ihr werdet euch alle in dieser Nacht an mir ärgern; denn es steht geschrieben: »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden. Nachdem ich aber auferweckt sein werde, werde ich vor euch hingehen nach Galiläa. Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sich alle an dir ärgern werden, ich werde mich niemals ärgern. Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, dass du in dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, mich dreimal verleugnen wirst. Petrus spricht zu ihm: Selbst wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. Ebenso sprachen auch alle Jünger. (Matthäus 26,75) «Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen. (Matthäus 26,31-35)

Also ehrlich, dieser Petrus ist mir nicht besonders sympathisch. Zumindest nicht in der Passionsgeschichte. Er ist ein Grossmaul. Er schläft, als er wachen und beten soll. Er greift zum Schwert und haut zu. Er lügt, dass sich die Balken im Tempel biegen. Und als der Hahn dann kräht, löst sich seine ganze Anmassung in ein Meer bitterer Tränen auf. Nie, so sagt mein Verstand, nie würde ich Jesus verleugnen, ich bin doch ein Christ, ich gehöre doch zu Jesus dazu, also nicht um alles in der Welt. Merke ich im Innersten, dass das so gar nicht stimmt? Denken Sie mal nach: Gab es Momente, in denen es mir peinlich war zuzugeben, dass ich ein Christ bin? Diese Momente kann ich gar nicht alle zählen. Ich wollte stark sein im Glauben, und dennoch habe ich mich immer wieder gefürchtet vor diesen spöttelnden Sticheleien:

»Du bist doch auch einer von denen.« … «Petrus aber sass draussen im Hof; und es trat eine Magd zu ihm und sprach: Auch du warst mit Jesus, dem Galiläer. Er aber leugnete vor allen und sprach: Ich weiss nicht, was du sagst.» (Matthäus 26,69f)

Ja du, genau du. Na ja, noch so einer, der seinen Verstand verloren hat! Wie kannst Du dieses Zeug nur glauben. Sag mir doch: Wo war denn dein Gott damals in Auschwitz und in Hiroshima und oder auf dem Balkan? Und wo ist er jetzt, wo sie sich wieder einmal in die Luft sprengen im Heiligen Land und in Unheiligen Kriegen? Sag mir, wo ist dein Gott, wo ist dein barmherziger Jesus, wenn mein Verwandter mitten aus dem Leben gerissen wird, weil man einen Tumor gefunden hat, der wächst und wuchert und streut?« Wie oft habe ich diese Worte gefürchtet. Und wie oft habe mich für meinen Glauben geschämt und ihn leise oder laut verleugnet. Und wie oft, ja wie oft habe ich geschlafen, wo ich doch hätte wach sein sollen und beten. Als Jesus verhaftet wurde, sind alle Freunde geflohen. Sie halten sich versteckt, denn sie wissen nicht, ob sie auch auf der Fahndungsliste stehen. Nur Petrus ist mutiger als die anderen. Er will wissen, wie es Jesus geht. Er will miterleben, was mit ihm passiert. Deshalb traut er sich bis in den Hof des Palastes des Hohepriesters. Er hofft möglicherweise, dass es Jesus gelingt, da irgendwie rauszukommen. Vielleicht kann er ihm bei der Flucht helfen. Schliesslich ist der Meister ja schon mit ganz anderen Schwierigkeiten fertig geworden. Aber als er erkannt wird, gerät Petrus in Panik.

«Als er aber in das Torgebäude hinausgegangen war, sah ihn eine andere; und sie spricht zu denen, die dort waren: Auch dieser war mit Jesus, dem Nazoräer. Wieder leugnete er mit einem Eid: Ich kenne den Menschen nicht!»(Matthäus 26,71f)

Am Palmsonntag haben wir alle reformierten Jugendlichen konfirmiert. Es war wirklich schön, wirklich. Vor zwanzig Jahren war ich fast der einzige Christ in meiner Klasse. Ich komme aus dem „ehemalig sozialistischen“ Teil Deutschlands. Ein, zwei waren es noch, die sich trauten zu sagen: Ich glaube an Gott. Ein paar andere haben es gedacht, aber sich nicht getraut. Die Mehrheit hat sich amüsiert und ihr Fähnchen nach dem Wind gehängt. Ich frage: Was ist, wenn wir alle in diesem Hof sitzen, und Jesus ist das gefangen und wird geschlagen und gefoltert und, eben:

Kurz nachher aber treten die Leute treten herzu und sprachen zu Petrus, nein zu Dir: Wahrhaftig, auch du bist [einer] von ihnen, denn auch deine Sprache verrät dich. Da fing er, Petrus, an, sich zu verwünschen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht! (Matthäus 26, 73f)

Und Du? Und ich? Was ist mit uns? Verteidigt hat Jesus niemand. Er hatte Freunde im Hohen Rat. Öffentlich schwiegen alle. Der Rest der Mannschaft ist geflohen. Auch sie sind es, die Jesus das Kreuz auf die Schulter legen. So geht es immer. Es geschieht kaum eine Ungerechtigkeit und kein Verbrechen, wo es nicht Menschen gibt, die schweigen, die wegsehen: «Ich kenne diesen Menschen nicht.» Gründe gibt es viele: Angst, Eigennutz, Gleichgültigkeit. Das ist noch schlimmer, als Feinde zu haben, wenn die Freunde schweigen. Das ist noch schlimmer, als dass es Verbrecher und Ungerechte auf der Welt gibt, dass es immer eine Mehrheit gibt, die schweigend geschehen lässt. Jesus nimmt es auf sich, dass es so ist.

Petrus. Das ist der Mann, auf Jesus seine Kirche bauen wollte, grossmäulig und wenn es darauf ankommt nichts dahinter? Der Rest der Mannschaft ist geflohen. Ausser Petrus. Immerhin. Nein, ich finde Jesus hatte mit diesem Mann eine gute Wahl getroffen. Mutig folgt Petrus Jesus bis in den Palast des Hohepriesters – bis in die Höhle des Löwen. Er geht ein hohes Risiko ein. Mehr schafft Petrus nicht, er hat seine Hingabe an Jesus, seine Treue und seine Leidensbereitschaft überschätzt. Ja, aber er erkennt dies. Und er ist traurig darüber.

Ich finde, wir können viel von Petrus lernen: Das erste, was wir von ihm lernen können, ist dass Petrus sich etwas zutraut und etwas traut, auch wenn es über seine Möglichkeiten geht, er versucht es wenigstens. Manchmal müssen wir etwas probieren, auch wenn es schief geht. Ein alter Spruch heisst: Wer nicht kämpft hat schon verloren. Es ist nicht ehrenrührig zu verlieren. Aber wenn man es gar nicht erst probiert, dann hat man von vorneherein keine Chance.

Unser Hahn war jedenfalls alt geworden und ein wenig steif in den Gliedern, und der Rost frass an seinem Leib. Eines Tages siegte der Rost, und der Hahn, das Symbol des Petrus, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte, fiel tief hinunter auf den Friedhof, wo ihn der (ehemalige) Kirchgemeindepräsident Georg Allemann fand. Ein Sinnbild für die Kirche? Nur ein altes Eisen, das mit dem Glauben, nur Schrott? Das zweite, was wir von Petrus lernen können ist, dass wir unsere Fehler und unser Versagen vor uns selbst zugeben. Petrus hört den Hahn und weiss das Zeichen zu deuten. Petrus ist sich bewusst, dass er Jesus etwas versprochen hat, was er dann nicht halten konnte. Er weiss, dass er in der Not nicht zu Jesus gehalten hat. Meine Form mit meinem Versagen umzugehen ist meistens etwas anders: Ich fange dann an mit mir selbst zu diskutieren und mein Verhalten vor mit selbst zu entschuldigen. Ich sage dann: Naja, ich wusste es ja nicht besser, und wenn irgend jemand mir gesagt hätte, worum es genau geht, dann hätte ich doch noch dies und jenes machen können. Und wenn nicht das Wetter so schlecht gewesen wäre, und die Umstände ungünstig, dann wäre doch alles nicht so schlimm gekommen. Ich suche nach Entschuldigungen, mache andere verantwortlich und schiebe das Problem auf unglückliche Bedingungen. Wie anders ist da Petrus. Und der hat wirklich gute Gründe für sein Handeln. Er sagt nicht: »Ich musste schliesslich mein Leben retten, mir blieb gar nichts anderes übrig.« Petrus weint. Das dritte, was wir von Petrus lernen können ist die Trauer über das eigene Versagen und damit verbunden der Wunsch es das nächste Mal besser zu machen. In der Apostelgeschichte können wir nachlesen, dass Petrus in seinem weiteren Leben auch in Todesgefahr treu zu Jesus Christus gestanden hat. Er hat seine Lektion gelernt. Jesus hat ihm noch eine zweite Chance gegeben und Petrus hat sie genutzt. Aus dem eigenen Versagen lernen ist gar nicht so einfach. Der Hahn auf dem Kirchturm ist also eine Mahnung, sich nicht nach dem Wind zu drehen, sondern wie Petrus in seinem weiteren Leben dem christlichen Glauben treu zu folgen.

Aber wie ist da jetzt mit unserer Ausgangsfrage. Hilft uns, was wir durch Petrus verstanden haben weiter? Sehen wir auf das Kreuz. Jesus Christus ist für uns gestorben, sagen unsere Passionslieder, sagt die Bibel. Hat das etwas mit mir zu tun? Kann ich damit jetzt mehr anfangen? Ja, ich glaube schon. Jesus hat bedingungslos auf Gott vertraut. Und er ist gestorben an der Ungerechtigkeit und Brutalität der römischen Herrschaft in Judäa. Die Priester am Tempel waren daran beteiligt, das Volk war daran beteiligt und natürlich Der römische Statthalter, König Herodes, die römischen Soldaten. Eine ganze Menge Leute waren schuld an seinem Leiden und seinem Tod. Aber er ist auch freiwillig dahinein gegangen, um seine Freunde zu schützen, um das Volk zu schützen, weil er verstanden hat, dass es der Wille Gottes ist, damit wir nicht allein bleiben in Schmerz und Leid. Wenn er, statt seine Verhaftung zu akzeptieren, einen Aufstand ausgelöst hätte, dann hätte es Tausende von Toten gegeben. Insofern hatten die Jünger recht, als sie sagten: Er ist für uns gestorben, an unserer Stelle.

Aber heute, wie ist es heute? Ich sehe auf das Kreuz, und ich sehe, wozu Menschen fähig sind. Ich sehe auf das Kreuz und ich beginne zu ahnen, wozu auch ich fähig bin. Ich sehe auf das Kreuz und ich sehe, wozu Schuld und Versagen führen können. Ich sehe auf das Kreuz und ich sehe, dass Gott dies alles nicht so bleiben lässt. Er hat Jesus vom Tod auferweckt und mir damit gesagt: Stell dich deiner Schuld, stell dich Deinem Versagen. Ich will nicht, dass es so bleibt. Ich will nicht, dass Du in den Folgen deiner Taten stecken bleibst und darin untergehst. An Petrus sehe ich, was Gutes geschehen kann, wenn wir uns darauf einlassen, unsere Schuld zu sehen, es uns leid tut. Insofern ist Jesus auch für mich gestorben und auferstanden. Gott will auch für mich Vergebung und Neuanfang.

Unser alter Hahn kommt nicht mehr auf den Turm, aber ein neuer Hahn wird oben seinen Dienst tun. Der wird strahlen vor Gold und die Kirchgemeindepräsidentin hoffentlich auch, und zwar vor Glück. Der neue Hahn wird uns – und hoffentlich auch euch in der fernen Zukunft – etwas erzählen davon, dass wir unser Fähnlein nicht nach dem Wind hängen und dass wir glauben als Christen auch dann, wenn sich der Wind einmal dreht und die Zeiten schwieriger werden. Also worauf warten wir noch? Ja, auf den Mai und den Helikopter.

Diese Predigt habe ich 2007 in Untervaz aus aktuellem Anlass gehalten. Erwin R. Krättli aus Zürich stiftete unserer Kirche einen neuen Hahn, der über das Dorf hinweg leuchtet. Der neue Hahn wurde in einer etwas spektakulären Aktion von einem Team der Air Grischa montiert.