Wer sind wir, die evangelisch-reformierten Christen?

Oder ist es egal: evangelisch, römisch-katholisch, was auch immer, es ist ohnehin Privatsache, genauso, als ob ich Pepsi oder Coke trinke. Oder zu schwierig, um es auszudrücken, ohne studiert zu haben. Oder peinlich, als wolle mir jemand ins Schlafzimmer schauen …Aber wie wollen wir einen Dialog mit Andersdenkenden führen, ohne sagen zu können, was wir selber glauben? Ist das nicht die Frage: im Dorf, wenn Muslime unter uns leben, im Kanton, wenn es um politische Entscheidungen geht, in der Welt, in der es Terroranschläge gibt, die auch religiös begründet werden? Wer sind wir? Können wir das formulieren?

Lassen Sie mich einen Versuch wagen:

Erstens: „Kirche“, das ist zuerst die Kirchgemeinde. Hier und heute. Das, was wir vorfinden, mit allen Fehlern und Schwierigkeiten.
Kein Gemeindeglied steht über den anderen. Es gibt bei uns keine Hierarchie. Keiner darf von oben herab bestimmen, was du zu glauben hast, was du zu tun oder zu lassen hast. Menschen haben immer Macht, manche mehr, manche weniger. Überall finden sich Machtgefälle. Nicht die Macht an sich ist schlecht. Man kann sie gebrauchen. Es ist wichtig, zu wissen, wo die Grenzen sind. Aber die Erfahrung lehrt: Unkontrollierte Macht ist gefährlich. Wir teilen deshalb Macht auf. Darauf können wir stolz sein, wenn wir uns ein wenig in der religiösen Landschaft umsehen. Meistens werden wichtige Entscheidungen oben getroffen, und unten ausgeführt. Anders bei uns: Wir haben eine konsequent demokratische Kirche. Wer Entscheidungen trifft, muss sie vor dem Volk bzw. dem Kirchenvolk verantworten. In der Theorie ist das schön, aber es kommt nun auch auf uns an. Wenn von 500 Kirchgemeindegliedern nur 30 zur Versammlung gehen, wer bestimmt dann etwas?

Zweitens: Wir kennen keine Trennung von Priestern und Laien. Wir Reformierte haben auch keinen Papst und keinen Bischof. (Z.B. in Ungarn und Rumänien gibt es Bischöfe nur deshalb, weil die österreichischen Kaiser damals meinten, nur mit auch herausgehobenen Würdenträgern reden zu können.) Warum ist das so, warum gibt es keine besonders heiligen Leute? Ganz einfach, weil wir alle gleichermassen auf Gott angewiesen sind. Das glauben wir. Konkret ist das so: Ich habe keine höhere Weihe. Nur einen besonderen Auftrag.

Weil wir keine Trennung von Priestern und Laien kennen, glauben wir auch nicht, dass sich unter den segnenden Worten eines Priesters Brot und Wein im Abendmahl zu einer besonderen Speise und das Taufwasser zu einem geweihten Wasser verwandeln. Die Zeichen Brot und Wein bzw. Wasser bleiben, was sie sind. Worauf sie verweisen, ist wichtig. Das Abendmahl verweist auf die Lebensgemeinschaft, die unser Gott mit uns eingeht. (Heidelberger Katechismus, Fragen 66 und 76). Die Taufe zeigt uns, dass wir vor Gott rein sind, weil Gott uns vergibt. Wiederum gilt: wir alle sind gleichermassen auf Gott angewiesen.

Also: Kirche ist zuerst Kirchgemeinde. Es gibt keine Trennung von Priestern und Laien.War das schon immer so oder haben wir hier eine Kirchenspaltung provoziert? Luther, Zwingli und die anderen Reformatoren waren völlig überzeugt davon, dass das ganz am Anfang bei den ersten Christen so war. Sie wollten die Kirche zu ihren Wurzeln zurückbringen, aber sie wollten sie nicht spalten.

Nun habe ich schon mehrmals vom „Glauben“ gesprochen. Was meine ich damit?
Wir glauben alle an irgend etwas. Das heisst, wir vertrauen auf etwas, ohne es sofort beweisen zu müssen. Erst einmal glauben wir an ganz Alltägliches: dass das Wasser aus der Leitung kommt, wenn wir den Hahn aufdrehen. Dann glauben die meisten an irgend ein höheres Wesen. Wir spüren das, wir vermuten das. Und Gott? Ich empfinde Gott als ein Vis-a-vis, ein Gegenüber. Mit Gott kann ich reden. Wie kann ich denn wissen, ob ich mir dabei auch nichts einbilde? Da kommt Jesus ins Spiel. Er hat gelebt, und in seinem Gesicht haben die Menschen Gottes Antlitz erkannt. Der Glaube ist also recht genau beschreibbar: So wie Jesus lebte, so sollte es gut sein. Menschen haben immer den Glauben schriftlich fixiert. Daran musst du glauben, und daran, und daran. Reformierte denken: Ein schriftliches Bekenntnis ist nicht für alle Zeiten fix. Was ist heute wichtig zu sagen: darum geht es.

In diesem Zusammenhang: Wir leben nicht für das Jenseits. Es jagt uns keine Angst ein, wir beten auch nicht für die armen Seelen der Verstobenen, sondern wissen sie gut geborgen in Gottes Händen. Er macht es recht. Wir leben hier und heute, wir sind sogar mitverantwortlich für die Welt, in der wir leben. Wir mischen uns deshalb ein. Dabei gilt wieder: Kirche redet nicht erst, wenn ein Bischof oder eine Kirchenleitung etwas sagt, sondern wenn ein Christ oder mehrere Christen ihren Mund auftun.

Nun noch etwas Äußerliches, das typisch reformiert ist: Wer bei uns in das Kirchengebäude eintritt, findet kein Kruzifix. Selbst Bilder sind eine Ausnahme. Warum? Erst einmal hat es eine alte Tradition: Das 2. biblische Gebot fordert es so (2. Mose 20). Nun fordert das Gebot nicht, dass keiner mehr etwas malen darf. Es geht um Gottesbilder. Kein menschengemachtes Bild kann „Gott“ beschreiben. Die Gefahr besteht, dass ich das Bild zu wichtig nehme, es an die Stelle Gottes setze. Natürlich machen wir uns auch in unseren Gedanken Bilder und Vorstellungen von Gott. Da gibt es das grosse Auge, das alles sieht, was du im Verborgenen machst. Das ist ein wirklich schlechtes Bild. Es kann nämlich Angst einjagen. Mit Angst darf man niemals spielen. Da gibt es ein besseres Bild: den Hirten, und wir sind eine Herde von Schafen. Wir sind aber nicht nur treue Schafe, die sich einem Hirten anvertrauen. Manchmal wollen wir auch unsere eigenen Wege gehen. Das Bild passt nämlich nur für eine Aussage, nämlich die: Gott wird uns nicht im Stich lassen, so wie ein Hirte. Wie ich mir Gott vorstelle, darüber kann ich reden. Ich muss mein Bild manchmal korrigieren. Ein gemaltes Gottesbild ist statisch, macht eine bleibende Aussage. Diese Haltung zu Bildern trennt uns Reformierte von anderen Christen, verbindet uns aber mit Juden und Muslimen.

Kein Altar, aber ein einfacher Taufstein und eine Kanzel. Besinnung auf das Wichtigste, wie bei jedem guten Stil, wie in der Kunst manchmal. Wir haben keine leere Kirche. Besinnung auf das Wichtigste im Gottesdienst: Es geht um Gottes Wort. Gottes Wort ist nun nicht einfach die Bibel. Wir hören biblische Worte, damit sie bei uns ankommen. Es geht um unsere Erfahrung. Trifft ein Wort in unser Leben, dann bewirkt Gott etwas. Das meint der Ausdruck „Gottes Wort“.

Reformiert – ein für alle mal? Reformation – abgeschlossen? Nein, niemals. Die Kirche, so sagten es schon die Reformatoren, ist immer neu zu reformieren. Warum? Weil das Leben immer neue Fragen stellt.
Der Petersdom in Rom wurde mit vielen Spenden gebaut. Ablässe für alle Sünden wurden verkauft. Die Leute waren arm. Luther hatte erkannt, dass es auf den einfachen Glauben ankommt, nicht aufs Geld und nicht auf prunkvolle Gebäude.

Denken Sie mit: Wie können wir bitter nötige Wahrheiten sagen, ohne schwarz-weiss zu denken? Wie können wir Kirche sein für viele, ohne selbst Mehrheit zu sein? Wie können wir Kirche glaubhaft in dem reichsten Teil der Erde leben? Gibt es Chancen, noch eine Kirche zu sein in der globalisierten Welt, die scharfe Trennlinien zwischen arm und reich zieht? Das sind Fragen, die ich Ihnen nicht einfach von einem Pult oder einer Kanzel beantworten kann. Es sind Fragen die den Dialog erfordern.

Wer sind wir? Was ist „typisch reformiert“? Es ist nicht egal: es ist nicht Privatsache, nicht schwierig und auch nicht peinlich.
Aber wir sind alle gefordert, wir sind Kirche, nicht die anderen, wir sind Kirche.