Gottesdienst am Sonntagmorgen. Heute wird nicht gearbeitet. Heute haben wir Zeit. Und wir bringen viele Fragen mit …

so wie damals bei Jesus.

Siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: „Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Er aber sprach zu ihm: „Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?“ Er antwortete und sprach: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? (Lukas 10,25-29)

Wie komm ich in diesem Leben am Besten weg, so fragt man auch im 21. Jahrhundert. Die Frage nach der Ewigkeit stellt man nicht mehr.

Das war zu Jesu Zeiten anders. Da redete man wohl noch offen über das, was nach diesem Leben kommt. Diese Frage eignet sich hervorragend, um mit Jesus, dem berühmten Rabbi ins Gespräch zu kommen. Etwas anderes führt unser Schriftgelehrter nicht im Schilde. Er weiß die Antwort selber. Aber sie eignet sich gut zum theologischen Streitgespräch.

Kurz und knapp sind die Antworten von Jesus. Sie haben es in sich.
Unmerklich rücken sie das theologische Problem gefährlich nah an das eigene Leben. Wer ist mein Nächster? Das ist nicht nur damals ein Problem. Damals war die Frage: Zählen zu den Nächsten auch Nichtjuden? Was ist mit meinen Feinden?
Jetzt interessiert den Schriftgelehrten, wie Jesus darüber denkt. Doch Jesus beantwortet diese Frage nicht. Er erzählt eine Geschichte:

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?“ Er sprach: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“ Da sprach Jesus zu ihm: „So geh hin und tu desgleichen! (Lukas 10,30-37)

Da läuft einer die 27 km durch das tief eingeschnittenes Felsental. Vermutlich ein Fremder, sonst hätte er diesen Weg nicht gewählt. Es kommt zum Überfall. Das übliche. Ausgeraubt. Gerade noch so mit dem nackten Leben davongekommen.

Doch der Fremde hat Glück im Unglück. Gleich 3 Männer wählen denselben Weg. Der Priester und der Levit kommen vom Tempeldienst in Jerusalem. Sie sind froh, endlich Feierabend zu haben. Daheim wartet ein gutes Essen auf sie.

Ich kann die beiden gut verstehen. Etwas vom Priester und Leviten steckt auch in mir. Wie oft lassen wir einfach den Verwundeten, Hilfesuchenden am Rande liegen? Jeder ist sich heute Selbst der Nächste. Kennen wir solche Sprüche nicht zur Genüge? Unsere Gesellschaft denkt und lebt so. Es ist einfacher im Strom mitzuschwimmen, als auszusteigen. Wie der Samariter.

Der Samariter denkt nicht, sondern handelt. Er tut das Nächste. Unterbricht seinen Weg und kümmert sich um den Verwundeten. Ihm sind die Gefahren, Dreck und Blut egal. Der Samariter handelt menschlich im Gegensatz zu Priester und Levit. Er zeigt als „Halbheide“ den Frommen, was Barmherzigkeit ist. Ein Skandal, dass er bei Jesus der Gute ist. Denn die Samariter lagen theologisch schief. Sie hatten sich – angeblich – mit den Assyrern, also Heiden vermischt und viel von ihren religiösen Bräuchen übernommen. Jeder Jude machte einen Bogen um Samarien. Nun sagt Jesus, ausgerechnet der Samariter handelte richtig. Moment: Der Ketzer handelt richtig? Das ist die Pointe. Die Antwort Jesu ist einfach. Es geht nicht um die Debatte: Wer ist mein Nächster? Sondern: Wem bin ich Nächster? Einfach so: Der Nächste ist der, der Hilfe braucht.

Aber wie ist es heute? Leider existiert gerade das Samariterproblem bis heute unter Christen. Viele Atheisten leben klarer nach ethischen Grundsätzen als Christen nach den 10 Geboten. Im Laufe der Kirchengeschichte gab es viele barmherzige Samariter. Es istnicht so wichtig, was du genau glaubst, sondern was du tust. Das ist eine scharfe Pointe.

Aber man könnte die Pointe auch übertreiben: „Nur wer Gutes tut, kommt in den Himmel. Ob er an Gott glaubt, ist Nebensache.“ Jesus sagt nicht, der Samariter käme dafür in den Himmel. Die Frage nach dem ewigen Leben wird gar nicht mehr behandelt. Sie war ja schon beantwortet: „Du sollst Gott lieben“, hiess es.

Nein, hier ist noch nicht Schluss. Der Text geht weiter. Es kommt die andere Seite der Medaille.

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lukas 10,38-42)

Da ist die Martha. Sie hatte beim Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ gut zugehört. Jetzt legt sich voll ins Zeug für Jesus. Maria war wohl eher unaufmerksam, als Jesus erzählte. Sie setzt sich einfach zu Jesus und hört zu. So was gehörte sich für eine Frau damals wahrscheinlich nicht. Während Martha in der Küche frische Fladenbrote bäckt, isst Maria die alten mit Jesus auf.

Martha ist deswegen sauer. Doch Jesus verteidigt Maria. Jesus will keine Workaholics, die rund um die Uhr für ihn schuften. Er will Freunde, Schüler. Zum Schülersein gehört das Hören, die Stille. Erst aus ihr kommt es zum rechten Tun. Wo das Hören fehlt, endet das Tun schnell in Ausgebranntsein.

Das kenne ich gut. Wer Jesus nachfolgen will, muss zuerst hören. Nicht umsonst beginnt unsere Arbeitswoche mit einem Sonntag. Die Kraft der Stille haben wir verlernt. Sie ist aber für Jesusnachfolger dringend angesagt. Jesus macht Martha und auch uns Mut zur Pause. Wir sollen nicht wie im Hamsterrad von einer Veranstaltung zur nächsten flitzen. Der barmherzige Samariter, Maria und Martha zwei Gegensatzgeschichten. Aus einem Mund. Zwischen diesen Gegensätzen bewegen wir uns auf dem Weg der Nachfolge.

Wo stehe ich? Liegt meine Gefahr im Nichtstun, wie beim Priester oder bin ich dem Marthaproblem erlegen? Alles hat seine Zeit. Das Hören hat seine Zeit und die Tat hat ihre Zeit. Es ist unsere Aufgabe, herauszufinden, was von beiden gerade dran ist. Es gibt eine Zeit des Hörens und eine Zeit des Handelns. Der Priester, der an dem ausgeraubten und zusammengeschlagenen Menschen vorbei zum Tempel eilt, weil er meint, nun sei die Zeit des Hörens – und dabei genau die Zeit des Handelns schmerzlich verpasst. Bei Maria ist es die richtige Zeit, zu hören. Es gibt also eine Zeit des Hörens und eine Zeit des Handelns. Eine Rangfolge aber gibt es gerade nicht. Weder so, dass Hören wichtiger als Handeln wäre noch dass das Hören immer vor dem Handeln käme noch dass das eines von beiden alleine reichen würde.

Es gibt noch einen Aspekt an dieser Geschichte, den kann man fast übersehen, weil man ja die Geschichte so gut kennt. Gestern waren wir am Üben mit der 1. und 2. Klasse: Wie immer: die Rangordnung hinsichtlich der Beliebtheit der Rollen bleibt immer gleich. Da waren zuallererst einmal die Räuber. Alle Buben wollten Räuber sein. Diese Rolle gab ihnen nicht nur Gelegenheit, Stärke zu demonstrieren. Sie konnten darüber hinaus ihr gesamtes Waffenarsenal zum Einsatz bringen und zur Schau stellen. Ritterschwerter, Cowboypistolen, so ziemlich alles, was geeignet erschien, potenzielle Raubopfer in Furcht und Schrecken zu versetzen. Nicht ganz so weit vorne, aber aufgrund des hohen Sympathiewertes noch immer im Spitzenfeld, rangierte die Rolle des Samariters. Sie ist immer schnell besetzt, übrigens meistens mit einem Mädchen. Die Rolle des Opfers war unter den Schüchternen und Faulen noch recht gefragt, war sie doch eher passiv und mit keinem Text verbunden. Weit abgeschlagen folgten dann die Unsympathischen, der Priester und der Levit: hier mal der Bischof und der Sheriff. Die Scheinheiligen. Die Negativbeispiele. Aber auch für sie konnten mit einiger Überredungskunst Darsteller gewonnen werden. Was ist denn schließlich eine gute Geschichte ohne die üblen Burschen. Nur einen hatten wir fast vergessen. Den Wirt.

Wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das kommt selten gut. Dabei ist seine Rolle meines Erachtens die interessanteste, weil sie als einzige noch nicht zu Ende gespielt ist.

Eine ganze Reihe Fragen kommen mir da in den Sinn: Wird der Wirt den Verwundeten auftragsgemäß versorgen oder wird er anderen, interessanteren und lukrativeren Tätigkeiten nachgehen? Wird er achtsam mit dem Geld des Samariters umgehen oder wird er die eine oder andere Münze für sich selbst abzweigen? Wird er darauf vertrauen, dass der Samariter wiederkommt und, wenn Not am Mann ist, einen Vorschuss riskieren, oder wird er so leben, als wäre dieser seltsame Gast auf Nimmerwiedersehen abgereist? Wird er korrekt abrechnen oder vielleicht einen kleinen Betrug inszenieren?

Die Rolle des Wirts lässt also einiges offen. Sie bietet für uns, die wir in einem der reichsten Länder der Erde leben, einige Identifikationspunkte. Der Wirt, der, den keiner spielen wollte, der, den alle übersehen, hat nämlich drei sehr wesentliche Dinge, die wir auch haben: Der Wirt hat Mittel: Er zog zwei Silberschekel heraus und gab sie ihm. Er vertraute ihm Geld an. Eine ganze Menge Geld. Der Wirt hat einen Auftrag: Pflege sein. Kümmere dich um ihn. Sorge für sie. Und der Wirt hat eine Zusage, eine Verheißung: So du was mehr wirst dartun, will ich dir`s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wir sehen uns wieder. Und verlass dich drauf, du wirst nicht draufzahlen, wenn du großzügig bist. Jesus verkörpert ja in idealer Weise den barmherzigen Samariter. Den, der nicht fragt, wer da Not leidet und warum, sondern einfach hilft. Von ihm haben wir als Wirte Mittel, Auftrag und Verheißung.

Die Mittel sind bei uns in Graubünden in vielen Bereichen vorhanden. Lassen Sie mich das an zwei Beispielen veranschaulichen.

Beispiel Nahrungsmittel: Allein von dem, was in Europa gesundheitsschädlich zu viel gegessen wird, könnten Millionen Menschen leben. Und von den Kosten, die aus unseren Wohlstandskrankheiten erwachsen, noch einmal so viele.

Beispiel Energie: Stellen Sie sich einen Energiesklaven vor. Bisschen komische Vorstellung, aber: Das ist einer, der für Sie 12 Stunden am Tag ohne Pause mit der Leistung von einer halben Pferdestärke schuftet. Zur Zeit beschäftigt der durchschnittliche US-Bürger 110 Energie-Sklaven. In Westeuropa sind es immerhin noch 60 Energiesklaven pro Person. In Bangladesh ist es einer. Soweit die Bestandsaufnahme. Jetzt kommt das interessante: Ökologisch vertretbar und nachhaltig möglich wäre es, wenn jeder Erdenbürger 15 Energiesklaven zur Verfügung hätte. Das entspricht etwa dem Stand der Schweiz im Jahr 1969. Also nicht gerade ein niedriger Standard.

Wenn also ein im Wohlstand lebender Europäer oder Nordamerikaner angesichts des Hungers in der Welt auf die Idee kommt, Gott anzuklagen, muss er möglicherweise mit einer Antwort rechnen, die etwa lautet: Was willst du von mir. Es ist genug für alle da. Sorge du zuerst einmal für eine gerechte Verteilung. Er zog hinaus zwei Silbergroschen und gab sie ihm. Die Mittel sind vorhanden. Und zwar reichlich. Zum Auftrag: Wenn ich mich in dem Wirt wieder finde, stellt sich für mich weniger die Frage, wer denn nun die Priester und Leviten sind. Sie zu suchen und zu identifizieren führt rasch zu unangebrachter Selbstgerechtigkeit, so nach dem Motto: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser Priester oder dieser Levit. Viel wichtiger ist die Frage, wo die sind, die mir anbefohlen wurden. Und da werde ich leicht fündig, in der unmittelbaren Nähe genauso wie in der weiten Ferne anderer Kontinente. Überall stoße ich auf sie, die unter die Räuber gefallenen Opfer. Einige Beispiele: Gewalt in der Schule. Da gibt es immer Opfer. Ok. Sie kennen das alle, sie haben zumindest davon gehört.

Oder: Auch bei uns, ja das gibt es, Menschen, die im atemberaubenden Tempo der allgemeinen Jagd nach Geld immer mehr auf der Strecke bleiben.

Oder die Menschen in den armen Ländern der Erde, mit deren korrupten Herrscher-Cliquen sich so gut Geschäfte machen lassen, von denen auch wir profitieren, wenn wir billige Kleidung und Elektronik kaufen. Die, auf deren Kosten wir leben, ob wir es wollen oder nicht, ob wir es glauben oder nicht. Und die dann noch zu hören kriegen, sie seien an ihrem Elend selbst schuld. Sie sind eben nicht selbst schuld. Und wenn wir dort helfend unsere Hände öffnen, passiert genau genommen nichts anderes, als dass wir unsere Schulden zurückzahlen. Auch wenn, rein rechnerisch, widersinniger Weise die Armen in der Schuldenfalle sitzen. Gerade weil das, was ich tun kann, vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, kommt es auf jeden Tropfen an.

Und die Verheißung? So du was mehr wirst dartun, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme, steht in der Bibel.

Oder an anderer Stelle: Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

So einfach ist das. Darauf dürfen wir hoffen.